Neues aus dem Spielemuseum

Play-by-mail - Von der Postkarte zum Postspiel

Am 1. Juli 1870 begann „postamtlich“ die Ära der Postkarte in Deutschland. Wir blicken also inzwischen auf 150 Jahre Postkartengrüße zurück. Die Idee einer „Correspondenz-Karte“ entspricht damals dem Zeitgeist. 1865 auf Vorschlag des Postreformers Heinrich von Stephan noch als „unanständige Form der Mitteilung auf offenem Postblatt“ beanstandet, werden am ersten Verkaufstag in Berlin am 25. Juni 1870 mehr als 45.000 Exemplare verkauft. Die Bezeichnung „Correspondenz-Karte“ geht übrigens auf zwei Leipziger Bürger zurück, den Buchhändler Friedlein und den Kaufmann Friedrich Wilhelm Pardubitz, die beim Generalpostamt in Berlin je ein Muster einer „Universal-Correspondenz-Karte“ fast gleichzeitig einreichten.

 

Das neue Medium Postkarte diente von Anfang an der privaten Korrespondenz. Kein Wunder also, dass die Postkarte auch als Spielmittel entdeckt wurde. Beim Postspiel tauschen sich die Mitspieler mittels Briefen aus, da sie nicht am gleichen Ort gleichzeitig gegeneinander spielen. Das Spiel wird auch Briefspiel oder Spiel per Post bzw. englisch: Play-by-mail game (PBM) genannt. In den 1990-er Jahren entwickelte sich aus dem Postspiel Play by email (PEM), wo anstelle von Briefen E-Mails verschickt und die Grenzen zum Computerspiel fließend werden. Generell gilt: ein Postspiel wird in Runden aufgeteilt, die einem Brieflauf entsprechen. Bei vielen Spielern werden die Züge der einzelnen Spieler nicht untereinander, sondern an einen neutralen Spielleiter termingebunden übermittelt, der die Spielzüge auswertet und die Ergebnisse an alle Spieler verschickt.

Das erste bekannte Postspiel ist Fernschach. Erstmals nachgewiesene Fernschach-Partien sind Städtewettkämpfe, 1804 zwischen Den Haag und Breda (Niederlande) oder 1824 zwischen London und Edinburgh (Großbritannien). Traditionell werden die Züge per Brief oder per Postkarte übermittelt. Inhalt sind vorgedruckte Formulare, die zum Aufzeichnen der Partien genutzt werden (Schachnotation). In Deutschland hat Fernschach eine große Tradition und der weltweit größte nationale Verband ist der Deutsche Fernschachbund e.V. Eine Fernschachpartie kann vor allem international über Jahre ausgetragen werden. So begann das Finale der 10. Fernschach-Olympiade (Mannschaftsweltmeisterschaft) 1987 und endete 1995. Ironie der Geschichte: die Bronzemedaille gewann fünf Jahre nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten die Mannschaft der DDR.

Neben Fernschach gilt „Diplomacy“ als weiteres bis heute lebendiges Postspiel. Das Strategiespiel, das als Brettspiel entwickelt wurde, simuliert die Machtverhältnisse vor dem 1. Weltkrieg. Sieben Nationen ringen um die Vorherrschaft in Europa: England, Deutschland, Russland, Frankreich, Italien, Österreich-Ungarn und Osmanien. Jeder Mitspieler vertritt eine Nation. Da eine durchschnittliche Diplomacy-Partie etwa zehn Spieljahre von 1901–1910  dauert, verstreichen während einer Diplomacy-Fernpartie in realer Zeit – je nach gesetzten Zeitlimits – meist mehrere Monate. Als Postspiel wird Diplomacy heute in der Regel per E-Mail gespielt und im Deutschen Diplomacy Bund sind Hobby-Spieler organisiert. Aktuell außerdem als Postspiel verbreitet ist das Fußballsimulationsspiel United.

Hier findet sich eine Übersicht über deutschsprachige Postspiele von Lukas Kautzsch.

Die gesammelte Auswertung von Postspielen nennt man PBM-Zines. Das sind nicht-kommerzielle Hobby-Zeitungen mit redaktionellem Teil, die an interessierte Spieler auf Selbstkostenbasis übermittelt werden. In dieser Tradition steht z.B. das langjährige Postspielmagazin „Amtsblatt“ des Amtes für öffentliche Unordnung oder KSK Home. Und übrigens: auch die legendäre Zeitschrift der deutschen Spielekritik „Pöppel Revue“ (1977-2001) hatte ihre Anfänge im Play-by-mail. Zum Postspiel „Executive Decision“ (dt. Einsame Entscheidung) sollten ursprünglich noch unter dem Titel „Wolfs Wirtschaftsbrief“ sechs Mitspieler informiert werden. Mit Ausgabe 76 im Januar 1983 wurde – nach mehr als 30 Partien  – der Play-by-Mail-Teil aufgegeben. Dennoch haben sich Postkarte und Postspiele nicht zuletzt in Corona-Zeiten als attraktive private Medien bewährt.

 

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